Mythos "Solar plexus"...

Im Budo taucht immer wieder der fast schon mystifizierte Begriff "Solar plexus" (richtig: Plexus solaris) als Zielgebiet eines Angriffs auf; hier nun eine kurze und einfache Beschreibung von Lage, Funktion und Problemen.

Die kuriosesten Lagebeschreibungen sind mir in den Kampfkünsten schon untergekommen und folgende Bilder sollen zum besseren Verständnis beitragen.

Der Name Plexus solaris (Sonnegeflecht) wird als Oberbegriff für ein Nervengeflecht, das vor (bauchwärts) der Bauchaorta  liegt, verwendet. Es ist eine Ansammlung aus autonomen - also nicht bewusst beeinflussbaren - Nervenschaltzentren und Nervenfasern der Bauchorgane.

Ein Teil dieses Netzwerkes wird nun von einem sehr prominenten und wichtigen Hirnnerv (Nervus vagus, "Der Umherschweifende") gebildet. Dieser schwingt sich fröhlich aus dem Hirn, an der Carotis durch den Hals, dann entlang der Speiseröhre in den Bauchraum und - als hätte er dort nicht schon genug zu tun - reguliert am Wege noch schnell Stimmapparat, Herz sowie Lunge.

Wichtig: Am Herzen wirkt der Nerv dämpfend, dass heißt je stärker die Aktivität des Vagus ist, desto langsamer und schwächer wird der Herzschlag.

Da es sich um einen eher diffusen anatomischen Oberbegriff handelt, ist eine genaue Abgrenzung hier nicht sinnvoll und somit stellt die gelbe, strichlierte Linie in Abb. 2 eine einfache Annäherung dar. Man bedenke aber, dass das Sonnengeflecht weit im Bauchinneren liegt und nicht, wie oftmals vermutet, unmittelbar unter der Oberfläche!

Abb.2: Hinterer Bereich der Bauchhöhle. Plexus solaris (gelbes Geflecht), Bauchaorta (rot), untere Hohlvene (dick und blau), Nieren (braun). Das Zwerchfell ist im oberen Bildbereich zu erkennen; Leber, Magen, Darm, etc. sind entfernt.


Abb. 1

 

Abb.3: Die Seitenansicht veranschaulicht die tiefe Lage im Bauchraum.

::: Was kann nun passieren?

Ein Schlag in den Oberbauch, sei es in den Kampfkünsten oder zum Beispiel durch eine Lenksäule des Autos bei einem Unfall, kann zu einer Übererregung des Plexus solaris (somit auch Nervus vagus, s. oben) führen und schwere vegetative Störungen bis zum kardiogenen Schock nach sich ziehen. Der Herzschlag wird wesentlich verlangsamt und ein Stillstand ist die mögliche Folge.

Unter normalen Bedingungen ist sein Ursprungsgebiet im Zentralnervensystem gut in der Lage zu differenzieren, ob eine aktuelle Reizung den Magen, das Herz oder die Lunge betrifft und es kann auch entsprechend reagieren. Bei einem starken Schlag ist dies aber nicht mehr möglich und das ganze Versorgungsgebiet des Nerven ist betroffen.

Gerade im Sommer wird auch immer wieder auf die Gefahren beim Baden hingewiesen und genau dieses Sonnengeflecht ist wesentlich mitverantwortlich, warum man nicht überhitzt und mit vollem Magen in kaltes Wasser springen darf.

Der Magen wird ebenfalls vom N. vagus versorgt. Eine Dehnung der Magenwand stimuliert den Nervus vagus und eine plötzliche Pressatmung, "huuuuhhh so kalt" :-),  verursacht eine weitere Dehnung und überreizt den Nerv. Der gefüllte Magen erhöht auch den Druck auf den Plexus solaris und verstärkt so den Effekt ebenfalls.

Interessant in diesem Fall ist dann auch noch, dass neben dem oben beschriebenen Herzstillstand ein möglicher Stimmverlust (s. auch oben) dem Ertrinkenden einen letzten, vielleicht rettenden, Hilfeschrei unmöglich macht.

Christoph Stöbich

 

 

 


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